Die Valkee-Story (2)

Das Millionengeschenk der Medienbranche

Die Markteinführung von Valkees Ohrleuchte ging mit einer für mitteleuropäische Verhältnisse schwer vorstellbaren Medienkampagne einher. Die rührende Geschichte der kleinen Firma aus dem von Nokias Absturz gebeutelten Oulu, die mit einem schrägen Produkt die Behandlung der Volkskrankheit Depression revolutionieren wollte, kam gut an. Der damalige Geschäftsführer, Juuso Nissilä, zählte im Mai 2011 bereits an die 700 Beiträge in Zeitungen, Radio und Fernsehen – eine praktisch komplette Abdeckung der Nation. Diese kostenlose PR sei bis zu diesem Zeitpunkt schon 4 Millionen Euro wert gewesen.21

Selbst die Präsidentin Tarja Halonen blieb nicht verschont. Mit der falschen Angabe, das Valkee-Gerät hätte in Studien 9 von 10 schwer depressiven Patienten geheilt, erhielt die Firma den INNOSUOMI-Ehrenpreis 2010.22 Valkee konnte zwar keinerlei Belege dafür vorlegen. Die Geschichte wurde aber dringend gebraucht in einem Land, das mit Nokia gerade die wichtigste Steuerquelle, zehntausende Jobs, und ein nationales Symbol verlor.

Die breite Öffentlichkeit war dem Märchen gegenüber kritisch geblieben, und die Verkäufe im Weihnachtsgeschäft 2010/2011 blieben mager. Die Firma stand wirtschaftlich am Abgrund, der Verlust überstieg den Umsatz deutlich.23 Auch wissenschaftlich war Valkee am Ende: Das Resultat der einzigen placebokontrollierte Studie mit Valkees Gerät war vernichtend. Placebo war sogar numerisch besser als die Ohrleuchte.24

Der LifeLine Ventures-Fonds, der auch Anteile an Pharmafirmen hält, rettete Valkee, setzte Nissilä ab und den neuen Geschäftsführer Timo Ahopelto ein. Ahopelto kam ebenfalls aus dem Bereich der Pharmaindustrie.25

Die Medienkampagne bekam eine beispiellose Intensität. Plötzlich machten die Valkee-Forscher bahnbrechende Entdeckungen – von denen in der Fachwelt niemand Notiz nahm. Die Universität Oulu fand nun 2011 heraus, dass Nissilä und Aunio 5 Jahre zuvor eine völlig neue Wissenschaft vorausgesehen hatten. Die Ohrleuchte bekam den theoretischen Hintergrund, der immer gefehlt hatte. Das Gehirn wurde über Nacht lichtempfindlich, was Valkee immer hellseherisch behauptet hatte, und reagierte auf Ohrlicht mit “Aktivierung”.26,27 Das war zwar neurophysiologisch Unsinn, aber eine konsequente Umsetzung von Ahopeltos Geschäftsmethoden.

Das komplette Desinteresse der seriösen Wissenschaft sei, so erklärte Nissilä, eine Verschwörung der Herausgeber der wissenschaftlichen Fachzeitschriften mit der Industrie.28 Die revolutionäre Ohrleuchte wäre zu neu und zu gefährlich für die Pharmafirmen (!), als dass auch nur eine Zeile irgendwo veröffentlicht werden konnte.

Das entscheidende Weihnachtsgeschäft 2011 wurde eingeleitet mit Auftritten von Valkees “Forschern” und Führern im Frühstücksfernsehen, in den Hauptnachrichten, und ungezählten Presseberichten.29,30 Es lägen nun endlich die lange erwarteten Studien vor, die eine herausragende Wirksamkeit des Valkee-Gerätes zeigen sollten. Zwar nur als kommerzielle Poster auf einem Kongress, aber die wissenschaftlichen Artikel würden sicher bald erscheinen. Es handelte sich um eine Pilotstudie mit 13 Patienten, die dank intensiver klinischer Betreuung eine typische Placebo-Heilungsrate von 77% zeigten, und die gescheiterte placebokontrollierte Untersuchung. Nur war Placebo als echte Behandlung deklariert worden – eine massive Fälschung.31,32

Der Winter brachte eine Verdreifachung des Umsatzes auf 1,4 Millionen bei nur moderat wachsendem Verlust. Die staatliche Wirtschaftsförderung war eingesprungen mit 350.000 Euro geschenktem Steuergeld. Zum Ende des Geschäftsjahres hatte Valkee dennoch 1,7 Millionen Schulden und lediglich 76.000 Euro Bargeld.33 Das reichte nicht für die monatlichen Grundausgaben, ohne neue Geldquellen hätte der Geschäftsbetrieb eingestellt werden müssen.

 

NÄCHSTER TEIL: Valkee fliegt auf, und stürzt ab

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